Das visuelle Jetzt – A visual Now

Heute bin ich Flaneurin in meiner Stadt, in der ich seit Jahrzehnten wohne. Das Flanieren impliziert poetische, ästhetische, kulturelle und soziologische Aspekte zugleich. Ich schlendere durch die Straßen und werde Teil einer emergenten, komplexen Kommunikation – als distanzierte Beobachterin, als Akteurin, die selbst das Geschehen beeinflusst, oder als Seiende in meinen Reaktionen und Gedanken wiederum beeinflusst von dem ästhetischen Panorama, das mich umgibt.

Roland Barthes beschreibt die Stadt als eine Sprache, einen Diskurs. Er beschreibt den modernen Menschen, einen Stadtmenschen, als jemanden, der ununterbrochen Zeichen liest. Was kann ich alles lesen? Zeichen, Symbole, Schriften, Farben, Formen, Bilder, Gesten und Verhaltensweisen – es ist laut im visuellen, öffentlichen Raum. Ich lese viel Kommerzialisierung. Informationen über Waren, Dienstleistungen und Veranstaltungen dominieren das Erscheinungsbild, ringen um meine Aufmerksamkeit. Schilder, Plakate, Flyer, digitale Anzeigen, produziert von anderen visuellen Gestalter*innen umgeben mich, erzählen mir Geschichten und nehmen Einfluss auf meine Gedanken, Stimmungen, Werte und Verhaltensweisen. Welche visuellen Geschichten wollen wir erzählen?

Wir Menschen denken viel in Bildern und erleben die Welt als eine mentale Rekonstruktion der Umwelt. W. J. T. Mitchell unterscheidet zwischen den materiellen „pictures“ und den imaginierten „images”. Während pictures angefasst und vom Auge als Objekte wahrgenommen werden, entstehen images innerlich – eine latente Vorstellung, eine vage Stimmung vermischt mit unseren Sehnsüchten. Als visuelle Gestalter*innen sind wir oftmals aufgefordert, diese Erinnerungen wiederum in pictures festzuhalten. Das Repertoire der visuellen Formensprache erlaubt uns ein großes Spektrum an emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten.

Jede Gestaltung visueller Artefakte und Kommunikationsräume innerhalb unseres Alltagslebens verleiht immer wieder der Frage nach der Eigenheit des Menschen Ausdruck. Jede Gestaltung visueller Artefakte und Kommunikationsräume innerhalb unseres Alltagslebens verrät unsere Sicht auf die Welt und unsere Verortung innerhalb eines komplexen Wertekonstrukts. Mit Hilfe von Farben und Formen versuchen wir abstrakte, innere Sehnsüchte und Empfindungen auf analoge oder digitale Trägermaterialien zu rematerialisieren, ohne jemals objektiv oder präzise sein zu können. Wir werden zu Urheber*innen neuer pictures, welche wiederum neue images und Realitäten in den Köpfen unserer Betrachter*innen erzeugen.

Zu welchen neuen (emotionalen) Realitäten laden wir unsere Betracher*innen ein? Erfüllt unsere Gestaltung einen Zweck, bieten wir Lösungen für Probleme, oder fordern wir unsere Betrachter*innen auf, Fragen über unser Leben zu stellen?